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  • Dr. Verena Diersch

Kapitel 1 - Abrakadabra. Deine Worte sind mehr als Gelaber

Abrakadabra. Deine Worte sind mehr als Gelaber. Du sitzt da und weißt nicht, was du tun sollst, denn dein Kopf zieht Luftbahnen.


Er sagt dir, wie deine Träume aussehen. Aber schiebt hinterher, dass du sie niemals einfangen wirst mit deinem Kescher, der irgendwie zu klein und auch voller Löcher ist.


Schmal, schwach. Schleichend setzen sich Gedanken in dir fest, die deine Geschichte schreiben. Sie bestimmen deine nächsten Stunden und Tage, bald eine Woche, dann ein Jahr.


Deine Eltern unterhalten sich nur noch über ihre Hüften und nicht mehr über ihre Wünsche. Über die da oben, die Schuld daran sind, dass sie Schnupfen haben vor lauter Welt.


Du sitzt in der Bahn. Morgens. Zu warm. Zu voll. Zu viele Stunden hat der Tag, dabei hast du zu wenig Zeit. Immer.



Foto: Markus Spiske


Das Ziehen in deinem Bauch, daran hast du dich gewöhnt. Du merkst nicht mehr, dass es Schmerz ist. Dabei kennst du die Legende vom Frosch im langsam siedenden Wasser.


„Es gibt keinen Weg da raus“, denkst du.


Die Trambahn zittert. Etwas schlittert. Du guckst nach draußen und das Schwarze, was da neben dem Gelben steht, in dem du sitzt, das gehört da gar nicht hin. Es ist zerdellt, zerschellt. Die Frau, die es schafft, ihre Tür zu öffnen, steht da jetzt und macht mit ihren Fingern einen Vorhang vor ihren Augen.


„Warum schämt sie sich, wenn sie doch überlebt hat?“, fragst du dich.



Foto: Inna Podolska


Die Frau nutzt ihren kaputten Wagen um sich an ihm auszuweinen. Alle glotzen. Du möchtest aufstehen, aber auf offener Strecke machen sie die Türen nicht auf.


„Das hat ‚Rumms‘ gemacht“, sagen die kleinen braunen Locken vor dir.


Du nickst, obwohl du Unterhaltungen mit Kindern nicht magst. Sie können dir in die Seele schauen, dann musst du immer schwitzen.



Foto: Edward Cisneros


„Wie alt bist du?“, fragt sie.


„30“, sagst du, vor Aufregung hast du ein paar Jahre vergessen.


Draußen hörst du den Lärm der Feuerwehr. Als das Horn schweigt kümmert sich ein Mann in Leuchtstreifenhose endlich um die Frau, die auf ihrem Kotflügel wie auf einem hässlichen Sofa sitzen kann.



Foto: Leon Seibert


„Hast du schon Kinder?“, fragen die Locken. Dein Blick fällt auf ihre viel zu kleinen weißen Zähne.


„Nein“, sagst du und fragst dich, ob die Antwort zu schnell kam. Denn eigentlich wolltest du noch sagen ‚ich will auch keine‘, aber so einem zarten Geschöpf darf man nicht das Gefühl geben, es sei unerwünscht, auch wenn es stört. In den Sommerferien sind sie wirklich überall.


Die Türen öffnen sich nun doch und der Mann mit der Leuchtstreifenhose brüllt: „Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“


Keiner sagt etwas. Er quittiert es mit einem Nicken. Dann dreht er sich um, aber als sein Kopf schon in der Biegung ist, sieht er dich kurz an. Und lächelt.


„Nicht dein Ernst“, denkst du. Und guckst aufmerksam zu dem kleinen Mädchen, das in der Zwischenzeit etwas gepiepst hat, das du nicht verstehen konntest, aber auf das du jetzt unbedingt eingehen möchtest.


„Vielleicht traust du dich nur nicht“, antwortet sie, als du „Was?“ sagst.

Du musst das Wort noch einmal benutzen.


„Na, vielleicht traust du dich nicht, Kinder zu bekommen. Tut ja weh“, sagt sie.

Du ziehst deine Unterschenkel näher an dich ran, weil sie angefangen hat mit ihren zu baumeln.


„Das ist es nicht“, verrätst du deinen Händen.

Foto: Priscilla Du Preez


Dir fällt der Kescher wieder ein und die Schmetterlinge.


„Warum, verdammt noch mal, sind da so viele Löcher drin?“, denkst du.


Der Flieder ist wieder da. Du kannst ihn riechen, auch wenn durch die offene Tür nur der Staub der Landsberger Allee kommt.


Du hattest auch mal Locken. Zumindest ein bisschen. Auch deine Zähne waren viel zu sehen. Du warst zu hören, grell und laut.


„Abrakadabra!“ Ein dünner Stock war in die Luft geflogen. Märchen rieselten herunter. Nur du konntest sie sehen.


„Kannst du mal die Klappe halten? Du nervst“, hat Papa gesagt.



Foto: Anna Niezabitowska


Jetzt merkst du deinen Bauch doch noch.


„Ist das normal?“, fragst du dich.


Der Frosch ist aufgewacht.


„Mir ist heiß“, sagst du, stehst auf und läufst zur Tür.


„Sie können hier nicht aussteigen“, sagt der Leuchtstreifenmann, der außen vor der Tür herumlungert.


„Mir egal“, sagst du. Er macht dir Platz, weil er insgeheim auf die Locken, die du früher hattest, abfährt. Und du auch.



Foto: Eugenia Maximova


Aber du läufst nicht nach Hause, sondern in den Drogeriemarkt über die Straße und lenkst dich mit Mascara ab.


„Viel Volumen oder wenig?“, fragst du dich und guckst auf die Straße, weil sich die Einsatzfahrzeuge, über die der Mann mit der hässlichen Hose dirigiert, nun in Bewegung setzen.


„Weniger ist besser“, denkst du. Und: „Die arme Frau.“



Foto: Thom Masat


Dann fängst du zwischen den künstlichen Wimpern und den falschen Fingernägeln an zu weinen.

©2020 by Verena Diersch.