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  • Dr. Verena Diersch

Loslassen für mehr Lebendigkeit

Aktualisiert: Mai 30

Wenn ich von Lebendigkeit spreche, dann meine ich nicht, dass jeder Moment pures Glück ist. Aber du kannst wach sein. Jedes Gefühl, jeden Windhauch, jedes vorbeiwehende Blatt wahrnehmen. Und dazu deine Wünsche, Grenzen, Gedanken. Du darfst dir erlauben, diese Liebe zum Leben auszuleben - auch und gerade in deinen Beziehungen. Lass uns uns Lebendigkeit gestatten und uns nicht länger selbst einsperren. Auch wenn dafür ein Loslassen nötig ist.


Lebendig oder weniger lebendig?

Dieser Text entsteht in einer Zeit, in der ich es mir zum ersten Mal in meinem Leben erlaube zu Menschen "Nein" zu sagen, weil ich mir lebendige Beziehungen und Zeit für meine eigene Lebendigkeit wünsche. Ich habe mich immer gerne für einen guten Menschen gehalten und gedacht, dass damit einher geht, Situationen auszuhalten, Beziehungen unbedingt weiter zu führen und dabei der anderen Person unbegrenzten Raum zu geben, sich zu entfalten.


Foto: Anthony Tran


Wenn ich die Personen doch liebe, dachte ich, schenke ich ihnen meine Zeit. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir die Zeit, die ich anderen unbegrenzt schenke, für meine eigene Lebendigkeit fehlt und mich davon abhält, andere, womöglich lebendigere Beziehungen zu führen. Deshalb handelt dieser Text von Lebendigkeit in Beziehungen und Lebendigkeit im Alltag. Dort, wo sie so viel bewirken kann. Und davon, dass für diese Lebendigkeit leider auch manchmal ein Loslassen notwendig ist.


Was ist Lebendigkeit?

Marshall B. Rosenberg, der Begründer der gewaltfreien Kommunikation, versteht unter "etwas, was gerade lebendig ist", ein Bedürfnis oder ein Gefühl, das gerade da ist und Aufmerksamkeit verlangt. Wertschätzende Beziehungen sind demzufolge solche, in denen alles was da ist, da sein darf und sich die Menschen, die ihre Gefühle äußern, in ihren Bedürfnissen gesehen und unterstützt fühlen sollten. Ich möchte mit meinem Verständnis von Lebendigkeit über diese Auffassung sogar noch hinausgehen. Wenn für mich etwas lebendig ist, dann fühle ich Bewegung. Dann spüre ich Aufbruch. Dann will ich am liebsten fliegen und den anderen mitnehmen.


Foto: Juliana Arruda


Für mich bedeutet das, in Beziehungen lebendig zu kommunizieren und vor allem gerade darüber zu sprechen, wie sich fliegen für uns beide anfühlt, was uns in einer Beziehung am Boden hält oder wo und warum ich die andere Person vielleicht nicht mitnehmen kann auf meinen Rundflug.


Mir ist es sehr wichtig, lebendig zu sein. Ich halte es für einen schönen Zustand, aber auch für ein notwendigen. Denn wenn wir nicht lebendig sind oder sein dürfen, dann enttäuschen wir langfristig nicht nur uns selbst, sondern auch alle anderen Menschen in unserem Leben.

Deine Lebendigkeit ist die Lebendigkeit der anderen

Wenn wir uns in wenig lebendigen Beziehungen und Situationen aufhalten oder Dinge tun, die sich für uns nicht lebendig anfühlen, dann halten wir etwas sehr wichtiges zurück: unsere Wahrheit. Wir speisen alle und uns selbst mit einer halbgaren Version ab, die uns nicht entspricht. Keiner kann uns wirklich kennen lernen und wir können auch die andere Person nicht kennen lernen, weil wir ja nie wirklich da sind. Weil wir uns sie wirklich mitbringen, sondern immer nur eine Schablone, von der wir denken, das sie gut ist. Sie ist aber einfach nur ohne jegliches Leben.


Es ist schwer zu dieser Erkenntnis zu kommen, weil uns unsere Sozialisierung zu Erwartungsempfängern und -ausführern macht. Wir erlernen was es bedeutet "gut" zu sein.


Foto: Luis Vilasmil


Wenn wir nicht nur lebendig sein wollen in dem Sinne, dass wir zu dem stehen, was wir gerade fühlen und brauchen, sondern zusätzlich auch noch in Bewegung bleiben wollen, müssen wir aber in manchen Situationen oder Beziehungen den vermeintlich guten, das heißt sozial angepassten, Teil unserer Persönlichkeit zugunsten unserer Freiheit und der Liebe zu uns selbst hintanstellen.


Wenn wir das tun, sind wir ehrlich zu uns selbst und zu der Person, zu der wir "Nein" sagen. Denn betrachte es einmal so: Wenn du aufhörst, anderen Personen vermeintlich einen Gefallen zu tun, indem du ihr nur zeigst, was du als erwünscht erachtest, gibst du auch ihr den Raum, ihre eigene Lebendigkeit zu reflektieren. Wenn wir unsere Angepasstheit loslassen, erwarten wir das Gleiche auch nicht mehr von anderen und unsere Lebendigkeit kann über unser eigenes Leben hinaus Kreise ziehen.


Was mir geholfen hat, mich für meine Lebendigkeit zu entscheiden

Was mir geholfen hat, mich für meine Lebendigkeit zu entscheiden sind zwei Dinge. Ich habe mir Begriffe und Bilder gesucht, die ausdrücken, was ich fühlen möchte. Und, das ist der schwierigere Part, ich habe mich radikal gefragt was sich in meinem Leben so anfühlt und was nicht und dann die entsprechenden Entscheidungen getroffen.


Suche dir Begriffe oder Bilder, die dich fühlen lassen, was du dir wünscht

Es gibt für mich zwei Sätze, die ausdrücken, wie sich Lebendigkeit für mich anfühlt. Der erste Satz ist: "Only stay with people who make you feel warm, safe and loved" (Elizabeth Gilbert). Wenn ich überlege, wie viele Menschen mir dieses Gefühl geben, dann sind das eine Hand voll. Und das ist völlig okay. Ich bin so dankbar dafür. Ich möchte nicht mehr ohne sie sein. Und das bedeutet auch, dass ich mit anderen Menschen einfach keine oder nur wenig Zeit verbringe. Das ist auch total in Ordnung. Das bedeutet nicht, dass diese Menschen schlecht(er) sind. Aber wir harmonieren einfach nicht. Es gibt für jeden Menschen Menschen, die sich bei ihnen warm, sicher und geliebt fühlen und andere, die es nicht tun. Und genau so soll es sein.

Foto: Tyler Nix


Der zweite Satz ist: "You are connected to all possibilities" (Dr. Joe Dispenza). In jeder Situation und in jeder Interaktion haben wir immer die Möglichkeit, "Ja" oder "Nein" zu sagen, uns zu zeigen oder uns zu verstecken, an uns zu glauben oder es nicht zu tun. Alle Reaktionen sind völlig in Ordnung und menschlich. Für mich ist es wichtig, mich daran zu erinnern, dass das Leben ständig in Bewegung ist und wir durch unsere Präsenz maßgeblich darauf Einfluss haben, wie es sich entwickelt.


Darum lasse ich starre Konzepte und Formen los und umgebe mich gerne mit Menschen und Inhalten, die Potenzial und Veränderung anstelle von Unveränderlichkeit und Resignation in den Vordergrund stellen. Auch wenn es je nach Situation immer völlig legitime Gründe dafür gibt, den Kopf in den Sand zu stecken, ist es einfach nicht meine Art, das zu tun und ich möchte auch nicht wiederkehrend über Starrheit und Lähmung sprechen müssen. Und dafür stehe ich ein.


Stehe für deine Lebendigkeit ein

Alles, was sich starr, drückend und kalt anfühlt, ist nicht meins. Also habe ich mich entschieden, mich Inhalten, Personen und Strukturen, die mir dieses Gefühl vermitteln, nicht mehr auszusetzen, wenn ich es in der Hand habe. Die Zeit, die ich mit runterziehenden Inhalten verbringen könnte, setze ich lieber dafür ein, meiner Freude zu folgen, meinen guten Gefühlen Ausdruck zu verleihen oder meinen eigenen schmerzhaften Gefühlen Raum zu geben, damit mein Geist und mein Körper sich von ihnen erholen können.


Das klingt im ersten Moment bestimmt egoistisch und für Personen, zu denen ich "Nein" sage, fühlt es sich wahrscheinlich auch nicht immer angenehm an. Ich habe aber auch die Erfahrung gesammelt, dass es Menschen gibt, die diese Entscheidungen gut verstehen, weil sie sie selber für sich treffen. Es sind diese Menschen, mit denen ich besonders gerne Zeit verbringe, weil ich weiß, dass sie sich aktiv für sich und mich entscheiden und für die Aktivität, die wir geplant haben und wir nicht nur Zeit verbringen, weil wir es schon immer getan haben und uns nicht trauen "Nein" zu sagen.


In diesen Beziehungen ist sowohl Bewegung als auch Aufrichtigkeit zugegen und jeder darf sein, wie er ist. Wenn alle Beteiligten ihre eigene Lebendigkeit an erste Stelle stellen und sich trauen, ehrlich über ihre Gefühle und Bedürfnisse zu sprechen, weil sie wissen, dass sie auf offene Ohren treffen, ist sowohl unendliches Potenzial für die Beziehung als auch für jeden Einzelnen vorhanden und Liebe entsteht, ohne dass sich alle oder der Einzelne dafür besonders bemühen müssen.


Suche die Lebendigkeit jeden Tag

Ich glaube, Menschen, die ihre Lebendigkeit priorisieren, wissen, dass sie in erster Linie selbst dafür verantwortlich sind, wie sie sich fühlen und fühlen wollen. Sie wissen, dass sie ihren Tank auffüllen müssen, bevor sie es von einer anderen Person verlangen. Dadurch fällt es ihnen leichter, andere so sein zu lassen, wie sie sind, aber auch zu erkennen, wann Beziehungen drückend und unangenehm werden.


Für mich fängt meine Lebendigkeit in meinem Alltag an, den ich bewusst so gestalte, dass ich mich bei mir zu Hause und sicher fühle. Ich beobachte meine Gefühle, bin für sie da, wenn die Wut aus mir schreit oder die Trauer aus mir herauskriecht. Ich sitze oder liege mit mir, meine Hände auf der Brust oder meinem Bauch, bis das Gefühl die Aufmerksamkeit bekommen hat, die es verdient und ich wieder erkenne, dass mein Leben ein Spiel ist, das ich mir ausgesucht habe, und das ich jeden Tag so gut spiele wie ich eben kann.


Ich bringe mich nach draußen, verbinde mich bewusst mit der Natur, ich füttere mich gut, ich höre Musik, die mich aufbaut, ich bewege mich, fasse meinen Körper an. Ich habe ein sehr schöne Beziehung zu mir selbst und kann sie deshalb auch zu anderen haben, zumindest dort, wo ich auch mit dem, was ich mitbringe, willkommen bin.


Deine Lebendigkeit ist deine Sache

Gleichzeitig bedeutet Lebendigkeit für jeden etwas anderes und das ist auch gut so. Auf welche Art und Weise du lebst, was du in dein Leben einlädst und was/wen du rauschmeißt, ist deine Sache. Genauso, wie es das gute Recht der Person ist, von der du dich trennst, ihr Leben zu gestalten wie sie möchte ist es auch deine Sache, was du für dein Leben priorisierst und dir wünscht.

Lass dir nicht einreden, dass etwas weniger wichtig oder richtig ist als etwas anderes, und rede es auch niemandem anderem ein.


Erkenne aber an, dass du es in der Hand hast, dich lebendig zu fühlen. Es sind deine täglichen Entscheidungen, die bestimmen, wie du und mit wem du deinen kostbaren Tag verbringst. Und wenn du ihn mit Situationen oder Beziehungen verbringst, die dir ein schlechtes Gefühl vermitteln - auch wenn die Personen, die beteiligt sind, absolut liebenswert sind - dann ist es vielleicht jetzt an der Zeit, dich für deine Lebendigkeit zu entscheiden und ihr radikal zu folgen.


Wenn du dich in einer Entscheidung von mir unterstützen lassen möchtest, du durch ein Reading Einblick erhalten möchtest, welche Lebensbereiche dringend einer Entscheidung bedürfen oder du daran arbeiten möchtest, deinem eigenen Gefühl stärker zu vertrauen, schreibe mir gerne eine Nachricht an info@konnektreiki.com.


Stehe für dich ein, es gibt dich nur einmal! Deine Verena

©2020 by Verena Diersch.